Am 1. August 2008 jährte sich zum 70. Mal der Todestag des ersten österreichischen katholischen Märtyrers der NS-Zeit, Hans Karl Zeßner-Spitzenberg (1885-1938), für den ein Seligsprechungsprozess im Gang ist. Der Katholik, Österreich-Patriot und Legitimist und führender Mitarbeiter in der Gebetsliga während der Zwischenkriegszeit war einer der ersten Österreicher, die in Dachau der NS-Mordmaschinerie zum Opfer fielen.
Schon kurz nach dem "Anschluss" war klar gewesen, dass Hans Karl Zeßner-Spitzenberg den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge sein würde, hatte er doch bereits in den zwanziger Jahren gemeinsam mit Ernst Karl Winter, August Maria Knoll und anderen zu einer Gruppe von Intellektuellen gehört, die für ein eigenständiges Österreich-Bewusstsein eingetreten waren. Gemeinsam mit ihnen gründete Zeßner-Spitzenberg 1927 die "Österreichische Aktion", die erstmals auf einer programmatisch-publizistischen Grundlage den Gedanken einer eigenständigen österreichischen Identität formulierte.
Zuvor hatte der Jurist - eine der führenden Persönlichkeiten des so genannten katholisch-legitimistischen Lagers - im Verfassungsdienst der Staatskanzlei mit Hans Kelsen an Verfassungsentwürfen für die Erste Republik mitgewirkt. 1931 wurde Zeßner-Spitzenberg Ordinarius der Lehrkanzel für Verfassungs- und Verwaltungsrecht an der Wiener Hochschule für Bodenkultur. 1935 übernahm er dort sowie an den Wiener Hochschulen für Welthandel und für Technik Vorlesungen über "Weltanschauliche und vaterländische Erziehung". Die Vorlesungen orientierten sich an der Präambel der ständestaatlichen Verfassung von 1934.
Zeßner-Spitzenberg war in der Gebetsliga führend tätig. Er gab die Kaiser-Karl Kalender, später „Jahrbücher“ von 1927 bis 1937 heraus und hat unzählige Artikel über Kaiser Karl veröffentlicht bzw. in Vorträgen und Festreden von Kaiser Karl gesprochen. Aus seinem katholischem Glauben und seinem Österreich-Patriotismus heraus war Zeßner-Spitzenberg ein deklarierter Gegner der Nazis. Noch im März 1938 war er an der Organisation der Kampagne für die Volksabstimmung zu Gunsten der Selbständigkeit Österreichs beteiligt.
"Er hat uns noch ein Kreuzzeichen gemacht"
Zeßner-Spitzenbergs Sohn Karl Pius erinnert sich in der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" an die folgenden dramatischen Entwicklungen. "In der Nacht vom 11. auf den 12. März hat Otto von Habsburg angerufen, mit dem er immer in Kontakt war, und hat meinem Vater geraten, unbedingt ins Ausland zu fliehen". Sein Vater habe sich dann während des Einmarsches der deutschen Truppen in Österreich in das damalige Kloster "Am Himmel" zurückgezogen. Die Nationalsozialisten durchsuchten währenddessen das Haus der Familie, das nur wenige Schritte von der Kaasgrabenkirche entfernt lag. Sein Vater habe schließlich am 14. März beschlossen, sich freiwillig zu stellen, so Karl Pius Zeßner-Spitzenberg: "Bei der Gestapo ließ man ihn sechs Stunden warten, schickte ihn dann aber nach Hause".
Vier Tage später verhafteten die Nationalsozialisten Hans Karl Zeßner-Spitzenberg während der 8-Uhr-Messe in der Krypta der Pfarrkirche Kaasgraben. "Bei der Gabenbereitung haben sie ihn herausgeholt. Er wollte noch zur Kommunion gehen, aber das haben sie nicht zugelassen", erzählte Karl Pius, der heute als ehrenamtlicher Diakon die Kaasgrabenkirche betreut, im "Sonntag".
Hans Karl Zeßner-Spitzenberg wurde zunächst im Wiener Landesgericht gefangen gehalten. Am 15. Juli 1938 erfolgte der Abtransport ins KZ Dachau. An den Folgen der Torturen und Misshandlungen starb er dort völlig entkräftet bereits am 1. August. Offiziell wurde seiner Familie wie üblich mitgeteilt, dass er einer Lungenentzündung erlegen sei. Trotz der enormen Kosten entschied sich seine Witwe, die Leiche nach Wien überführen zu lassen, weshalb Zeßner-Spitzenberg auf dem Grinzinger Friedhof begraben ist. Er und der Schwiegersohn von Bundespräsident Wilhelm Miklas waren die einzigen in Dachau ermordeten Menschen, deren Särge in die Heimat überführt worden sind.
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KAP/red